Posts

1.2.2026: Der kleine Hase und der lange Schatten

Auf einer sonnigen Wiese lebte ein kleiner Hase namens Milo. Milo war flink, fröhlich und voller Energie. Doch sobald der Abend kam und die Sonne tiefer sank, wurde Milo still. Denn dann wurden die Schatten lang. „Sie sehen aus wie riesige Tiere“, flüsterte Milo und blieb dicht bei seinem Bau. „Was, wenn sie sich bewegen?“ Jeden Abend beobachtete er, wie sein eigener Schatten länger und größer wurde. Das machte ihm Angst. Eines Abends setzte sich eine alte Schildkröte neben ihn. Sie war langsam, aber ihre Augen waren wach und freundlich. „Warum schaust du so sorgenvoll?“ fragte sie. „Die Schatten werden so groß“, sagte Milo. „Sie folgen mir.“ Die Schildkröte lächelte. „Komm, wir gehen ein Stück zusammen.“ Sie gingen langsam über die Wiese. Mit jedem Schritt änderte sich der Schatten, wurde kürzer, länger, mal breit, mal schmal. „Siehst du“, sagte die Schildkröte leise, „der Schatten tut nichts. Er zeigt nur, dass Licht da ist.“ Milo blieb stehen und schaute genau hin. Tatsächlich – ohn...

25.1.2026: Der kleine Igel und die stille Nacht

Am Rand eines Gartens, dort wo das Gras weich und das Laub besonders raschelig war, lebte ein kleiner Igel namens Theo. Theo mochte den Tag. Er mochte die Sonne, die Wärme und die Geräusche. Doch wenn es Nacht wurde, fühlte er sich oft unruhig. „Die Nacht ist so still“, murmelte Theo jeden Abend. „Zu still.“ Wenn alles ruhig wurde, hörte er jedes Knacken, jedes Rascheln, jeden entfernten Laut. Dann rollte er sich fest zusammen und wartete, bis der Morgen kam. Eines Abends setzte sich eine alte Katze auf den Gartenzaun. Sie hatte schon viele Nächte gesehen und bewegte sich lautlos wie ein Schatten. „Warum bist du so angespannt, kleiner Igel?“ fragte sie ruhig. „Weil die Nacht so leer ist“, antwortete Theo. „Da ist nichts.“ Die Katze lächelte. „Hör genauer hin.“ Theo spitzte die Ohren. Zuerst hörte er nur sein eigenes Atmen. Dann bemerkte er das leise Zirpen einer Grille. Ein fernes Rauschen der Bäume. Den Flügelschlag einer Eule. Und ganz nah das sanfte Klopfen seines Herzens. „Die Nach...

18.1.2026: Der kleine Fisch und das tiefe Wasser

In einem klaren See, dessen Oberfläche tagsüber in der Sonne glitzerte, lebte ein kleiner Fisch namens Fino. Fino kannte jede Pflanze am Ufer, jeden Stein im flachen Wasser und jedes Rascheln der Schilfhalme. Doch eines machte ihm Angst: das tiefe Wasser. „Dort unten ist es dunkel“, sagte Fino oft. „Und man weiß nie, was dort schwimmt.“ Die anderen Fische nickten oder schwammen einfach weiter. Nur die alte Karpfen-Dame hörte ihm immer aufmerksam zu. Eines Abends, als der Himmel langsam dunkler wurde und der See ganz still war, fragte sie Fino: „Was glaubst du, ist im tiefen Wasser?“ „Angst“, antwortete Fino sofort. Die Karpfen-Dame lächelte. „Vielleicht. Aber vielleicht auch Ruhe.“ In dieser Nacht konnte Fino nicht schlafen. Das Wasser war warm, der Mond spiegelte sich silbern auf der Oberfläche. Ganz langsam schwamm er ein Stück weiter hinaus als sonst. Nur ein kleines Stück. Das Wasser wurde dunkler, aber auch stiller. Kein Rascheln, kein Schatten. Nur ein sanftes Schaukeln. Fino bli...

11.1.2026: Die Eule und der Löwenzahn

In einer stillen Lichtung, umgeben von alten Bäumen und singenden Grashüpfern, lebte eine junge Eule namens Ella. Ella war klug – das sagte zumindest ihre Mutter – aber sie war auch sehr ungeduldig. Sie wollte alles sofort wissen, sofort können, sofort verstehen. Eines Tages entdeckte Ella eine Pusteblume. „Wie wunderschön du bist!“, rief sie. „Aber wie wirst du zu so etwas?“ Der Löwenzahn antwortete mit einem leisen Flüstern im Wind: „Geduld, kleine Eule. Ich war einmal nur ein Samenkorn.“ „Das dauert mir zu lange“, murmelte Ella und flog weiter. Sie fragte den Biber, wie man einen Damm baut, den Frosch, wie man so hoch springen kann, und den Specht, wie man mit dem Schnabel hämmert – und alle sagten dasselbe: „Mit Geduld.“ Doch Ella wollte schnelle Antworten. Und weil sie keine fand, war sie am Abend enttäuscht. Als sie wieder an der Lichtung vorbeikam, stand der Löwenzahn noch immer da – doch seine gelbe Blüte war verschwunden. Stattdessen war er nun eine zarte weiße Kugel voller Sa...

4.1.2026: Lina, das Lamm, das den Weg verlor

Auf einer friedlichen Wiese am Rande der Berge lebte ein kleines Lamm namens Lina. Sie war das neugierigste Lamm der ganzen Herde. Während die anderen gemütlich grasten oder dösten, stellte Lina Fragen. Warum ist das Gras grün? Wo geht die Sonne schlafen? Und wie fühlt sich der Himmel an? Eines Morgens, als der Tau noch glitzerte, beschloss Lina, Antworten zu suchen. Sie tappte leise davon – über einen Bach, an einem alten Baum vorbei, bis sie die Wiese nicht mehr sehen konnte. Zuerst war alles spannend und neu. Bunte Schmetterlinge tanzten um sie herum, Vögel sangen Lieder, die sie noch nie gehört hatte. Doch als der Tag sich dem Abend zuneigte und die Schatten länger wurden, merkte Lina plötzlich: Sie hatte den Rückweg verloren. „Hallo?“, rief sie leise in den Wald. Keine Antwort. Nur das Rascheln der Blätter. Gerade als sie sich zusammengerollt hatte, um zu weinen, erschien eine leise Stimme: „Du hast dich verirrt, nicht wahr?“ Es war ein alter Dachs, grau und gemütlich. Lina nickte...

28.12.2025: Der kleine Dachs und das verlorene Licht

In einem weiten Wald, wo die Bäume so alt waren, dass sie sich Geschichten zuflüsterten, lebte ein kleiner Dachs namens Dorian. Dorian war freundlich, neugierig – und hatte große Angst vor der Dunkelheit. Jeden Abend, wenn die Sonne unterging und die Schatten länger wurden, verkroch sich Dorian tief in seinen Bau. Er zog die Decke über den Kopf und wartete, bis der Morgen kam. Eines Tages fand er am Waldrand etwas Seltsames: eine kleine Laterne aus Holz, mit einem zerbrochenen Griff, aber einem warmen, leuchtenden Schein darin. „Du kannst mich mitnehmen“, flüsterte das Licht. „Aber ich kann nur leuchten, wenn du anderen hilfst.“ Dorian war verwirrt, aber auch ein bisschen mutiger als sonst. Also nahm er die Laterne und wanderte in der Dämmerung durch den Wald. Schon bald hörte er eine Maus weinen, die sich verlaufen hatte. Dorian brachte sie sicher nach Hause – und die Laterne leuchtete heller. Später half er einem Igel, der in einem Brombeerbusch feststeckte. Wieder wurde das Licht ei...

21.12.2025: Die Schildkröte und der Stern

Es war einmal eine kleine Schildkröte namens Selma, die in einem stillen Garten am Rand des Waldes lebte. Selma war langsam, sehr langsam. Die Vögel neckten sie manchmal, weil sie so trödelte, und die Hasen kicherten, wenn sie wieder einmal mitten auf dem Weg einschlief. Doch Selma störte das nicht besonders. Sie hatte einen Traum: Sie wollte eines Tages zu einem ganz bestimmten Stern reisen. „Aber Schildkröten fliegen doch nicht!“, rief der Spatz. „Und Sterne sind viel zu weit weg!“, meckerte das Eichhörnchen. Selma aber lächelte nur. Jeden Abend, wenn es dunkel wurde, kletterte sie auf ihren Lieblingsstein und schaute hinauf zum Himmel, wo ein kleiner, funkelnder Stern besonders hell leuchtete – ihr Stern, wie sie ihn nannte. „Ich komme zu dir, irgendwann“, flüsterte sie. Die Jahre vergingen. Selma wurde älter, aber sie vergaß ihren Traum nie. Sie wanderte durch den Garten, durch Wiesen, durch Felder. Sie lernte neue Tiere kennen, half den Ameisen, wenn der Regen kam, gab Schatten, w...