11.1.2026: Die Eule und der Löwenzahn

In einer stillen Lichtung, umgeben von alten Bäumen und singenden Grashüpfern, lebte eine junge Eule namens Ella. Ella war klug – das sagte zumindest ihre Mutter – aber sie war auch sehr ungeduldig. Sie wollte alles sofort wissen, sofort können, sofort verstehen.

Eines Tages entdeckte Ella eine Pusteblume. „Wie wunderschön du bist!“, rief sie. „Aber wie wirst du zu so etwas?“

Der Löwenzahn antwortete mit einem leisen Flüstern im Wind: „Geduld, kleine Eule. Ich war einmal nur ein Samenkorn.“

„Das dauert mir zu lange“, murmelte Ella und flog weiter.

Sie fragte den Biber, wie man einen Damm baut, den Frosch, wie man so hoch springen kann, und den Specht, wie man mit dem Schnabel hämmert – und alle sagten dasselbe: „Mit Geduld.“

Doch Ella wollte schnelle Antworten. Und weil sie keine fand, war sie am Abend enttäuscht.

Als sie wieder an der Lichtung vorbeikam, stand der Löwenzahn noch immer da – doch seine gelbe Blüte war verschwunden. Stattdessen war er nun eine zarte weiße Kugel voller Samen.

„Du hast dich verändert!“, staunte Ella.

„Ja“, flüsterte der Löwenzahn. „Und das ganz ohne Eile.“

Ella setzte sich neben ihn und wartete, bis der Wind kam. Als die Samen in die Luft tanzten, verstand sie endlich: Manches braucht Zeit, um schön zu werden.

An diesem Abend schloss Ella die Augen mit einem Lächeln. Und zum ersten Mal störte es sie nicht, dass sie noch nicht alles wusste. Sie wusste genug, um gut zu träumen.

Gute Nacht.

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