23.11.2025: Die Schildkröte und das Lied des Waldes

Im tiefen, grünen Herzen des Waldes lebte eine alte Schildkröte namens Theda. Theda war langsam, gemächlich und sehr, sehr weise. Die Tiere des Waldes kamen oft zu ihr, wenn sie Sorgen hatten, denn Theda konnte gut zuhören – und manchmal sagte sie nur einen einzigen Satz, der alles veränderte.

Eines Morgens kam ein junger Hirsch zu ihr. Er wirkte traurig.

„Theda“, sagte er, „alle Tiere haben etwas Besonderes. Die Amsel singt wunderschön, der Fuchs ist schlau, das Eichhörnchen ist flink. Aber ich… ich weiß nicht, was ich kann.“

Theda blinzelte langsam.
„Hast du schon einmal dem Wald gelauscht, wenn du ganz still bist?“

Der Hirsch schüttelte den Kopf.

„Dann komm heute Abend wieder. Wenn der Tag sich verabschiedet und die Nacht sich anschleicht.“

Und so tat der junge Hirsch, was die alte Schildkröte sagte. Er kam im Zwielicht, als das letzte Licht durch die Bäume fiel. Theda saß schon da, reglos wie ein Stein. Neben ihr war ein Platz frei.

Sie sagte kein Wort.

Der Hirsch setzte sich.

Und dann hörten sie.

Zuerst das leise Knacken der Äste, das Summen der Mücken. Dann das Wispern der Blätter, das Knistern der Wurzeln. Ein Käuzchen rief in der Ferne. Ein Tropfen fiel von einem Blatt ins Moos.

„Das“, flüsterte Theda schließlich, „ist das Lied des Waldes. Und du bist ein Teil davon. Ohne dich wäre es nicht vollständig.“

Der Hirsch schwieg lange.
„Aber ich habe gar nichts gemacht.“

„Doch“, sagte Theda, „du warst da. Du hast zugehört. Und das ist etwas, das viele verlernt haben.“

Der Hirsch legte sich langsam ins Gras. Noch nie hatte er sich so ruhig gefühlt, so willkommen. Vielleicht war das seine besondere Gabe – einfach zu sein. Und damit etwas zu schenken, das man nicht sehen, nur spüren konnte.

Gute Nacht.

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