2.11.2025: Der Spatz, der das Fliegen vergaß
Auf einem alten Bauernhof, hoch oben auf dem Balken einer Scheune, lebte ein junger Spatz namens Samuel. Samuel war wie alle anderen Spatzen: klein, neugierig und ein bisschen frech. Doch eines Morgens, nachdem ein Sturm die Nacht aufgewühlt hatte, passierte etwas Merkwürdiges.
Samuel wachte auf und fühlte sich schwer. Nicht körperlich, sondern im Herzen. Als er losflattern wollte, zögerten seine Flügel.
„Was ist, wenn ich falle?“ dachte er.
„Was, wenn ich es verlernt habe?“
Die anderen Spatzen flogen fröhlich los, flatterten durch die Morgensonne, zwitscherten und jagten sich im Wind. Nur Samuel blieb sitzen.
Eine alte Katze namens Mathilda, die unten in der Sonne döste, bemerkte ihn.
„Warum fliegst du nicht, kleiner Spatz?“ fragte sie schläfrig.
„Ich glaube, ich habe das Fliegen verlernt“, piepste Samuel.
Mathilda blinzelte. „So etwas vergisst man nicht. Man kann es höchstens für einen Moment nicht fühlen.“
Samuel dachte nach. „Aber was, wenn ich falle?“
„Dann fliegst du beim nächsten Mal ein kleines Stück weiter. Jeder Flug beginnt mit einem Zittern“, antwortete Mathilda und rollte sich zusammen.
Samuel blieb noch lange still. Dann, als der Tag fast vorbei war, schlug er doch mit den Flügeln. Zögerlich. Unsicher. Aber er tat es. Erst ein flatternder Sprung. Dann ein kurzes Gleiten. Dann ein richtiger kleiner Flugbogen – einmal im Kreis, zurück zum Balken.
Er keuchte, sein Herz schlug wild. Aber er lächelte.
„Ich habe es gar nicht verlernt“, flüsterte er.
In dieser Nacht schlief Samuel tief und ruhig – nicht, weil er weit geflogen war, sondern weil er sich getraut hatte, wieder zu beginnen.
Gute Nacht.
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