19.10.2025: Der kleine Bär und der leere Baum

Hoch oben im Nordwald lebte ein kleiner Bär namens Bruno. Bruno war noch jung, doch sein Fell war schon so dicht und weich wie bei den großen Bären. Was ihm jedoch fehlte, war Geduld.

„Ich will alles jetzt gleich“, brummte er oft. „Ich will Honig, Beeren, ein warmes Nest – und zwar sofort!“

Eines Tages fand Bruno einen alten, hohen Baum mit einem großen Loch in der Mitte. „Da wohnt sicher ein Bienenvolk“, sagte er sich und kletterte aufgeregt hinauf.

Doch das Loch war leer. Kein Summen, kein Honigduft. Nur trockene Rinde und ein wenig Moos.

Bruno stampfte mit der Tatze. „Ich hab doch gesagt, ich will Honig!“

Da hörte er eine leise Stimme aus der Nähe. Es war ein alter Dachs, der unter dem Baum döste.

„Manchmal muss man warten, kleiner Bär. Die besten Dinge kommen zu denen, die still bleiben.“

Bruno schnaubte. „Still bleiben ist langweilig.“

Der Dachs lächelte. „Dann ist heute ein guter Tag, um es zu üben.“

Zuerst war Bruno wütend. Doch er war auch neugierig. Also setzte er sich neben das Baumloch und wartete. Eine Stunde. Zwei. Dann schlief er ein.

Als er aufwachte, war es Abend. Und in der Luft lag plötzlich ein zartes Summen. Eine Biene flog vorbei, dann noch eine – und dann ein ganzer Schwarm.

Bruno sah, wie sie in das Baumloch schlüpften. Eine neue Bienenkönigin war eingezogen.

Am nächsten Tag summte und brummte es im ganzen Stamm. Und nach einer Woche schimmerte der erste Tropfen Honig am Rand des Lochs.

Bruno lächelte. Er schleckte vorsichtig – süß, warm, wunderbar.

„Der Dachs hatte recht“, murmelte er. „Warten schmeckt besser, als ich dachte.“

Gute Nacht.

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