12.10.2025: Die Schnecke und der Wind

Auf einer großen, grünen Wiese lebte eine kleine Schnecke namens Sissi. Sissi war nicht besonders schnell, nicht besonders auffällig – aber sie war sehr aufmerksam. Während andere Tiere von Blume zu Blume flitzten oder durch die Lüfte flatterten, kroch Sissi langsam über das Gras und betrachtete jedes Blatt, jeden Tautropfen, jede Spur im Boden.

Eines Tages kam ein kräftiger Wind über die Wiese geweht. Die Grashalme bogen sich, die Blätter rauschten, und der Wind rief laut:
„Schneller! Höher! Weiter! Wer nicht fliegt, bleibt zurück!“

Die Schmetterlinge lachten und ließen sich vom Wind tragen. Die Spatzen flatterten aufgeregt umher. Und Sissi?

Sie kroch weiter – langsam, wie immer.
Der Wind bemerkte sie und rauschte näher heran.
„Du bist viel zu langsam, kleine Schnecke! Willst du nie irgendwo ankommen?“

Sissi blieb stehen.
„Ich komme immer an. Nur in meinem eigenen Tempo.“

Der Wind lachte. „Aber das dauert doch ewig!“

Sissi sah sich um. Neben ihr glitzerte ein Tautropfen in der Sonne. Ein Gänseblümchen neigte sich zu ihr herab. Ganz in der Nähe sang eine Grille ihr Abendlied.

„Wenn ich schneller wäre“, sagte Sissi ruhig, „würde ich all das verpassen.“

Der Wind wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er brauste weiter, über Hügel, Felder und Wälder.

Und Sissi?
Sie kroch ein kleines Stück weiter, suchte sich ein gemütliches Plätzchen unter einem Huflattichblatt – und schlief zufrieden ein.

Gute Nacht.

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